Zensus 2011 – Wird das Volk wirklich „nur“ gezählt?

Der Staat macht Inventur und zwar zum 9. Mai 2011. Zensus 2011, so der Name der großangelegten Datensammelwut aller europäischen Mitgliedsstaaten. Zu diesem Zweck wird wieder fleißig gezählt, das Volk, seine Gebäude und Wohnungen. Zurzeit werden stichprobenartig Fragebögen für eine Vorabbefragung über Gebäude und Wohnungen verschickt und jeder Empfänger eines solchen Fragebogens ist verpflichtet diesen auszufüllen und im beiliegenden Rückumschlag an das Landesamt für „Zentrale Dienste“ zurückzuschicken.

Auch hier kam so ein Schreiben mit einem Vorabfragebogen an und ich hab ihn euch mal eingescannt. Man kann den Fragebogen auch online ausfüllen, sieht ihn aber nur, wenn man seinen Aktivierungscode eingibt.

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Man soll auf diesem mit 6 Fragen zum Gebäude bestückten Fragebogen heute schon angeben was am 9. Mai 2011 wahrscheinlich ist. Ob man dann Eigentümer oder nur Nutzungsberechtigt sein wird und wieviele Wohnungen sich in dem Gebäude befinden. Letzeres ist zumindest bei der Vorabbefragung noch freiwillig.

Wenn also Oma Erna heute mit 92 Lenzen angibt, dass sie im Mai 2011 Eigentümerin ihres kleinen Häuschens ist und sie im Februar am 3. Schlaganfall stirbt, dann stimmen die Daten ja schon wieder nicht, oder?

Aber die richtige Volkszählung kommt ja auch noch. Bis Mai 2011 sollen alle Daten eingesammelt und zusammengeführt werden. Aber liegen unsere Daten denn nicht schon lange vor? Sind wir nicht eh schon alle irgendwo erfaßt? Bei Einwohnermeldeämtern, Arbeitsämtern usw.? Und was ist mit dem Datenschutz? Wenn das Volk „nur“ gezählt werden soll, wieso dann nicht anonym? Wieso regen wir uns eigentlich über mangelnden Datenschutz im Internet und die überdimensionale Wissbegierigkeit zum Beispiel von Facebook auf? Schaut man sich mal diesen Fragebogen an, dann fragt man sich ob z.B.  Frage 7, 8 (Religionszugehörigkeit und Weltanschauung), 10 und 11 (wer wohnt mit wem zusammen) überhaupt jemanden was angeht und wieso zum Geier die meine Telefonnummer brauchen?

Und ob ich die nächsten Fragen lustig finden soll oder nicht, da bin ich mir im Moment noch nicht sicher. Darin geht es um Schulbildung, Berufstätigkeit, Nebenjob und andere bezahlte Tätigkeiten. Ein paar Beispiele:

26. Welchen höchsten allgemeinbildenden Schulabschluss haben Sie?

31. Haben Sie eine bezahlte Tätigkeit bzw. einen Nebenjob von mindestens einer Stunde pro Woche? (Hierzu zählen z.B. auch das Austragen von Zeitungen, Hausmeister- und Putztätigkeiten oder das Geben von Nachhilfe)

33. Haben Sie auch in der Woche vom 9. bis 15. Mai mindestens eine Stunde eine bezahlte Tätigkeit ausgeübt? (Antwortet man mit „nein“ kommt Frage 34)

34. Warum haben Sie diese Tätigkeit in der Woche von 9. bis 15. Mai nicht ausgeübt?

37. Als was sind Sie tätig?

39. Bitte geben Sie Postleitzahl und Ort Ihres überwiegenden Arbeitsortes an.

40. Haben Sie in den letzten vier Wochen etwas unternommen um Arbeit zu finden? (Gemeint ist z.B. das Lesen von Stellenanzeigen)

41. Könnten Sie innerhalb der nächsten zwei Wochen eine bezahlte Tätigkeit aufnehmen?

Braucht man diese Angaben wirklich wenn man das Volk „zählen“ will? Die fehlende Anonymisierung und zusammenführung all dieser Daten und aus allen vorhanden Datenbanken und Registern führt am Ende zu einer Kennzeichung und Katalogisierung aller Personen in diesem Land und nicht zuletzt zu Erstellung von Personenprofilen. Was hier an Daten verlangt, gesammelt, gespeichert, ausgetauscht und was weiß ich nicht alles wird, hat doch nichts mehr mit VolksZÄHLUNG zu tun, oder? Warum pflanzen die uns eigentlich keinen Chip ein, wäre doch mal ne Anregung für die nächste Bundestagssitzung, oder?

Die meisten Büger waren schon 1987 gegen die Volkszählung und da wurde wirklich „nur“ gezählt. Vergangenen Freitag haben ca. 13.000 Bürger Beschwerde gegen die geplante Volkszähung beim Verfassungsgericht eingereicht und weitere Proteste sind im Gange.

weitere Informationen unter www.zensus2011.de

Online-Petition gegen die geplante Volkszählung

Zitat:
In Ermangelung der Anonymität als Folge der Katalogosierung eines jeden Bürgers der Bundesrepublik Deutschland kann darüber hinaus Artikel 3 der Verfassung nicht oder nur unzureichend Rechnung getragen werden. Voraussetzung für die Gleichstellung aller Menschen ist die Unkenntnis von Unterscheidungsmerkmalen, sofern diese nicht zwingend notwendig sind.

Da der Begriff der Volkszählung allerdings das Ermitteln der Anzahl von Menschen eines Volkes suggeriert, erschliesst sich die Notwendigkeit der Kenntnis von personenbezogenen Daten nicht, denn zum Zählen bedarf es grundsätzlich weder der Namen, noch der Adressen oder weiterer Daten. Da grundsätzlich alle im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland genannten Grundrechte auf Artikel 1 und somit auf die Unantastbarkeit der menschlichen Würde zurückgeführt werden können, sind Sie hiermit eindringlich dazu aufgewordert die geplante Volkszählung in geplanter Art, Form und Umfang zu unterbinden.

Die kleine Volkszählungsfibel

Wer ist von der Volkszählung 2011 betroffen?
Jeder. Auch du! Selbst, wenn du gar keinen Fragebogen ausfüllen musst, werden eine große Zahl an Informationen über dich von verschiedenen Datenbanken zusammengetragen. Außerdem werden andere Menschen dazu gezwungen, Angaben über dich zu machen.

Wer genau wird mit einem Fragebogen bzw. einer Befragung konfrontiert?
Von allen Einwohnern werden umfangreiche Datensätze von den Meldeämtern/Bürgerbüros, von der Bundesagentur für Arbeit sowie von den Behörden abgefragt, die für die Lohn- und Finanzberechnungen öffentlicher Angestellter und Beamter zuständig sind. Zusätzlich werden drei weitere Bevölkerungsgruppen mit Fragebögen zur Auskunft zwangsweise verpflichtet

10% aller Einwohner Deutschlands werden per Zufallsgenerator ausgewählt und müssen einen weiteren Fragebogen mit persönlichen Fragen beantworten (das ist die so genannte „Haushalte-Stichprobe“). Darunter sind auch Fragen nach Migrationshintergrund, zur Religionszugehörigkeit sowie eine (mehr oder weniger freiwillige) Frage nach der persönlichen Weltanschauung. Die betroffenen Haushalte erhalten Besuch von einem „Volkszähler“, der die Fragen direkt überträgt. Alternativ können die Fragen aber auch schriftlich oder telefonisch beantwortet werden. Werden Fragebögen falsch oder gar nicht ausgefüllt, drohen Nachbefragungen. Sollten sich Bürger entschließen, einfach „nicht da“ zu sein, dürfen auch Nachbarn oder Vermieter befragt und sogar „Begehungen“ durchgeführt werden.

Schließlich werden noch alle Einwohner von so genannten „Sonderbereichen“ zur Angabe sensibler Daten gezwungen. Das betrifft alle Langzeit-Bewohner bzw. Insassen von Gefängnissen, Studentenwohn- und Altersheimen, Psychiatrien, Kliniken usw. Auch alle Obdachlosen werden per Gesetz diesen Sonderbereichen zugeordnet und somit erfasst. Bei nicht auskunftsfähigen Menschen oder in „sensiblen“ Bereichen werden die Betroffenen nicht selber befragt, sondern die Heimleiter.

Das ist der Zensus 2011 – Guided Tour 1 (nettes Propagandavideo)

Was ist eure Meinung zum Thema Volkszählung 2011? Seid ihr dafür oder dagegen? Findet ihr die Fragen alle angebracht? Was sind eure Bedenken/Argumente? Was passiert wenn der Fragebogen auf dem Postweg verloren geht oder ihn jemand „entwendet“ um mal zu sehen, was es über andere zu lesen gibt? Warum muss ich einem Fremden, der kein Beamter mit Schweigepflicht ist (Volkszähler) alles über mich erzählen? Was kann denn der Nachbar über mich angeben und wieso darf der das? Muss man wirklich mit Geld- oder anderen Strafen rechnen, wenn man dies boykottiert?

Ich würde mich über zahlreiche Kommentare freuen. Geht uns ja alle an.

Update Mai: Wir werden befragt – Hier geht es also weiter

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Über Chaosweib

Jutta - Nachtmensch, Bücherwurm, Spielkind, Teeliebhaberin - chaotisch, frech, neugierig, ungeduldig, experimentierfreudig - bloggt über alles, was ihr unter die Finger kommt und freut sich genau jetzt über deinen Kommentar :)
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2 Antworten auf Zensus 2011 – Wird das Volk wirklich „nur“ gezählt?

  1. Heike sagt:

    Gut, dass Du darüber berichtest. Auch ich bin als Proband auserkoren. Nun wußte ich noch gar nicht, dass ich dazu verpflichtet bin. Ich werde mich damit befassen, den Antwortbogen in das Kuvert stecken und ab in den Briefkasten.

  2. Manu sagt:

    Öhm…ich bin gerade ein bisschen sprachlos.

    Die meisten Fragen erachte ich auch für völlig unnötig, wenn man nur gezählt werden soll.

    Auf jeden Fall danke für diesen Beitrag…ich harre mal der Dinge, die da auf mich zukommen, bzw. werde mich mal der Petition widmen.

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