Rezension: Wie ein Flügelschlag von Jutta Wilke

Wie ein Flügelschlag von Jutta WilkeIm Januar erschien der neue Jugendroman von Jutta Wilke, der Autorin von Holundermond. „Wie ein Flügelschlag“, so der Titel des neuen Buches, hat meine Neugier geweckt, da er von allen Seiten hochgelobt wurde und von der Thematik her mal ein bisschen was anderes zu bieten hat. Ich hatte das Glück das Buch als Rezensionsexemplar und von der Autorin signiert zu bekommen und ich konnte es kaum erwarten bis ich endlich mit dem Lesen beginnen konnte. Ich will mal versuchen ob ich euch genau so neugierig auf das Buch machen kann, wie die anderen Rezensenten mich.

Wie ein Flügelschlag von Jutta Wilke

Dieses Buch ist ein Jugendbuch. Es ist eine Mischung aus Drama und Krimi und es geht hauptsächlich um den Leistungssport Schwimmen. Wer jetzt denkt, Schwimmen, sowas Langweiliges, der sollte unbedingt weiterlesen. Irgendwie ist Schwimmen zwar das Hauptthema und gleichzeitig ist es auch schon wieder nebensächlich. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, wahrscheinlich könnte man das Geschehene auch auf andere Sportarten projizieren, aber Schwimmen passt hier einfach total rein.

Wie ein Flügelschlag von Jutta Wilke - Vorder- und Rücksete

Vorder- und Rücksete

Kurzbeschreibung
Ein Stipendium an einem der renommiertesten Sportinternate! Für die sechzehnjährige Jana geht damit ein großer Traum in Erfüllung. Bis sie eines Tages ihre Freundin Melanie leblos im Schwimmbecken findet und sich alles in einen Albtraum verwandelt. Jana will nicht glauben, dass Mel an plötzlichem Herzversagen gestorben ist. Aber egal, an wen sie sich wendet, überall stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Schließlich versucht sie, auf eigene Faust herauszufinden, was hinter den Machenschaften im Internat steckt, und kommt zusammen mit Mels Bruder Mika der schrecklichen Wahrheit auf die Spur …

Wie ein Flügelschlag – Die Story

Jana Schwarzer ist sechszehn und das Buch ist aus ihrer Sicht in der Ich-Fom geschrieben. Jana hat nicht gerade das zu Hause, dass man sich so im Regelfall wünschen würde. Den Vater kennt sie nicht und die Mutter hat ihr Leben auch eher weniger im Griff. Jana hat nicht viel, aber sie hat Talent. Sie schwimmt für ihr Leben gerne. Im Wasser fühlt sie sich wohl. Da ist sie leicht und frei, im Wasser ist sie schwerelos, sie kann beinahe fliegen wie ein Schmetterling. Sie sagt von sich: „Ich kann nichts – außer schlafen, essen und schwimmen“. Ihr Vorbild ist Michael Phelps, von dem dieses Zitat stammen soll. Sie ist so talentiert, dass sie sogar ein Stipendium in einem der besten Sportinternate bekommt. Leider wird sie dort oft von den anderen Schülern gemobbt, aber für Jana zählt eh nur das Schwimmen und so beißt sie sich durch.

Dann gibt es da noch Melanie. Melanie Wieland ist eine „Externe“, das heißt sie schläft nicht im Internat, sie wohnt ganz normal zu Hause und kommt nur zum Unterricht und zum Training her. Mel hat alles, was man sich nur wünschen kann. Sie sieht gut aus, ist ebenfalls ein großes Schwimmtalent, sogar Olympia scheint möglich. Sie hat einen Vater, der von Beruf Arzt ist, ein tolles zu Hause, keine Geldsorgen, die coolsten Sachen usw. Mel ist auch beliebt bei den anderen Schülern und Schülerinnen, die stest um sie herumschwirren, wie Motten ums Licht.

Jana und Mel freunden sich ein bisschen an, obwohl sie Konkurrenten sind. Beide  sind so gut, dass sie sich gegenseitig immer zu Höchstleistungen anstacheln. Jede möchte die Beste sein, wobei Mel nochmal unter einem größeren Erfolgsdruck zu stehen scheint als Jana. Eines Tages tritt Schwimmtrainer Drexler an Jana heran und erklärt wie sie sich beim kommenden Sichtungsschwimmen „verhalten“ soll. Kurze Zeit später wird Mel tot aufgefunden…

Mit Erlaubnis der Autorin zitiere ich jetzt mal einen Abschnitt vom Anfang des Buches. So könnt ihr euch besser vorstellen wie es geschrieben ist. Dazu versetzt euch bitte in folgende Situation: Die Geschichte spielt im Winter. Es ist früh morgens, noch dunkel und eisig kalt. Jana wurde von Drexler zu 10 Kilometer (25 Runden) Laufen verdonnert, weil sie nicht zum Frühsport erschien. Dort erschien sie deshalb nicht, weil sie mit Mel verabredet war, der sie unbedingt etwas erzählen musste. Noch 14 Runden. Jana schwitzt unter ihrer Wollmütze und hat gleichzeitig die Ärmel des Pullis über die Hände gezogen um sie vor der Kälte zu schützen, ihr Atem „malt weiße Wolken in die Luft.“ So läuft sie nun also ihre Runden und hört über ihren MP3-Player Rihanna. „I came to win to fly…“. Noch 13 Runden. Dann entdeckt sie bei der Halle einen Krankenwagen, dessen Blaulicht im Rhythmus der Musik zu blinken scheint. Blau – weiß – blau – weiß…

Zitat Seite 15/16/17
Was geht da drin vor sich? Ich öffne die Augen wieder und langsam gewöhnen sie sich an das Licht. Irgendetwas zieht mich in das Innere der Halle. Ich stemme mich gegen die Scheibe, will dem Sog nicht nachgeben, aber mein Blick gleitet schon suchend über das Becken. Auch das Wasser leuchtet im Rhythmus. Einen Moment betrachte ich die Wasseroberfläche, dann taste ich die Konturen des Beckens ab. Ich sehe die Startblöcke, den Beckenrand, sehe Drexler, der auf dem Boden kniet. Neben ihm Bernges und ein weiterer Mann. Ich presse mich fester gegen die Scheibe. Der Mann läuft jetzt auf und ab, gestikuliert wild und schreit in sein Handy. Drexler steht auf, stopft die zu Fäusten geballten Hände in die Taschen seiner ausgebeulten Trainingshose. Auf einmal hebt Bernges den Blick und wendet sich mir zu. Ich starre ihm ins Gesicht. Er starrt zurück. Dann schüttelt er den Kopf und schaut wieder dahin, wo Drexler eben noch gekniet hat. Meine Augen folgen seinem Blick, mein Herz schlägt bis zum Hals. Die Scheibe scheint unter dem Druck meiner Hände und meiner Stirn nachzugeben. Ich spüre, wie sich all meine Gedanken, meine Fragen und meine Wut in mir zu einem einzigen Klumpen zusammenballen. Einem dicken, eiskalten Klumpen, der immer größer wird, erst meinen Hals ausfüllt, dann meinen Magen, dann meinen ganzen Bauch.
Alles fühlt sich falsch an. Ganz falsch. Ich werde keine Silberhaut bekommen wie meine Bäume im Wald. Die Kälte muss von außen kommen, um zu schützen. Nicht von innen.
Und während sich dieser eisige Klumpen in mir ausbreitet, wandert mein Blick zu dem Körper auf dem Hallenboden. Hält sich an den Füßen fest, will nicht über die nackten Beine nach oben wandern, über den schwarzen Schwimmanzug, den flachen Bauch, und wird doch von diesem eisigen Klumpen immer weiter gezogen, über den Brustkorb, der vollkommen bewegungslos ist, bis zu dem Gesicht, das mir zugewandt am Boden liegt, eingerahmt von nassen Locken.
Ein Engel mit gebrochenen Flügeln.
Der Klumpen in mir zerspringt, und tausend kleine Eissplitter durchbohren mein Herz, als ich kurz in die starren Augen sehe, bevor einer der Männer eine Decke darüberlegt.
Melanie. Melanie Wieland.
„Du blöde Kuh! Du gottverdammte elende blöde Kuh!“
Diesmal weiß ich, dass ich es bin, die schreit. Die Starre fällt von mir ab, meine Hände lösen sich, meine Fäuste trommeln gegen die Scheibe, als müsse ich nur fest genug auf sie einschlagen und laut genug schreien, damit Mel wach wird, die Decke von sich wirft und aufsteht.
Blau – weiß – blau – weiß.
Und Nicki in meinem Kopf singt:
„But I think I’m still an angel away…“

Nein! Nein! Nein! Nein! Warum hast Du das gemacht? Warum? Ich reiße mir die Kopfhörer runter. Meine Stirn schlägt im gleichen Rhythmus wie meine Fäuste gegen das Glas. In der Halle geraten sie in Bewegung, Drexler, die beiden Männer, Bernges, alle rühren sich, nur Melanie nicht. Die liegt weiter unter ihrer Decke wie Dornröschen, träumt meine Träume, lacht im Schlaf über mich und verhöhnt meinen Ehrgeiz.
Ich rutsche an der Glasscheibe hinunter in den Schnee. Die Eissplitter in mir haben keinen Platz mehr und endlich finden sie ihren Weg nach draußen.
Ich kotze mir meine ganze beschissene Seele aus dem Leib.
Melanie Wieland ist tot. Und ich –
habe sie umgebracht.

Wie ein Flügelschlag – Meine Meinung

Das waren 2 Seiten von von 283 und jede einzelne davon ist so wunderbar und spannend geschrieben. Der Schreibstil ist leicht und flüssig. Da ist kein einziges Wort zuviel in dem Buch. Die Autorin verschwendet keine Zeit mit Belanglosigkeiten, jedes Wort, das sie aufschreibt ist wichtig für Handlung. Es gibt wundervolle Sätze in dem Buch, so malerisch formuliert, dass der Film im Kopfkino sofort zu laufen beginnt. Von langatmig ist das hier weit entfernt. Dass die Story mit dem Tod von Melanie beginnt, bringt sofort Spannung in die Geschichte. Man ist von Anfang an gefangen und nur noch neugierig darauf wie das passieren konnte. Dann springen wir in der Handlung drei Wochen zurück und können Seite für Seite lesen wie es zu diesem Unglück kam und was es damit auf sich hat. Ist Mel wirklich an Herzversagen gestorben?

Mit Aufschlagen des Buchdeckels beginnt sich die Sehne des Spannungsbogens bereits zu dehnen und mit jeder weiteren gelesenen Seite kommt nochmal ordentlich Zug drauf. Bis zur vorletzten Seite wird diese Spannung aufrecht gehalten und immer wenn man denkt, man wüsste Bescheid, gibt es nochmal eine Wende.

Eigentlich hatte ich noch ein anderes Buch zu beenden, als das hier ankam. Ich lese aber jedes neue Buch kurz an und das hier konnte ich von der ersten Seite an nicht mehr weglegen. Das andere Buch wanderte sofort in die zweite Reihe. Ich war gefangen in der Geschichte, ja ich war so in das Buch vertieft, dass ich alles um mich herum vergessen habe. Ich musste einmal sogar vom Chlorgeruch husten, ich konnte die warme, chlorhaltige Luft in der Schwimmhalle wirklich riechen. Sowas bewirken nur ganz, ganz wenige Bücher. Ich konnte mich so gut in die Rollen reinversetzen und habe mitgefiebert, mitgerätselt und mitgekämpft. Ich habe das Buch in zwei Tagen regelrecht inhaliert und ich hatte die ganze Zeit eine Gänsehaut. Es lässt einen traurig und nachdenklich zurück und wenn ich jetzt Schwimmen bei Olympia sehe, sehe ich es definitiv mit anderen Augen.

Dieses Buch ist der Hammer, da stimmt einfach alles, wirklich jedes noch so winzige Detail. Ich möchte daher auch noch kurz zum Aussehen bzw. der Ausstattung kommen. „Wie ein Flügelschlag“ ist ein gebundenes Buch mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Bei jedem Kapitel ist ein schwarzer Schmetterling zu sehen.

Wie ein Flügelschlag - Soft-Touch-CoverDer Schutzumschlag ist aber der Knaller schlechthin. Die Abbildung superklasse und wenn man das Buch gelesen hat, bekommt man beim Anblick gleich nochmal eine Gänsehaut.

Jutta Wilke  - Wie ein Flügelschlag

links ohne Schutzumschlag - rechts die Kapiteleinleitung

Der Schutzumschlag ist matt mit Spottlack und trotzdem fühlt sich der matte Teil glatt an. Ich habe mir sagen lassen, dass es sich dabei um ein Soft-Touch-Cover handelt. Es fühlt sich so unglaublich toll an, eine Mischung aus Hochglanz und Gummierung. Aber das eigntlich tolle daran ist das Bild an sich. Ein hellblauer Hintergrund, hellblau wie ein Schwimmbecken. Da sind Risse, abgeplatze Farbe und rostige Stellen wie bei einem alten, längst ausgetrockneten Becken. Ein Schmetterling mit weit gespannten Flügeln. Ein Schmetterling wie ihn Jana tätowiert auf der Schulter trägt. Der dieses Gefühl von Leichtigkeit und Fliegen symbolisiert und der so zart und zerbrechlich ist. Dazu kommt noch ein bekannter Schwimmstil, der sich ebenfalls „Schmetterling“ nennt und Schwimmbewegungen ähneln tatsächlich einem Flügelschlag. Das passt alles so gut zusammen, das ist unglaublich. Da haben die Autorin und der Coppenrath Verlag wirklich ganze Arbeit geleistet. Chapeau!

Wie ein Flügelschlag - Buchrücken mit und ohne Schutzumschlag

Buchrücken mit und ohne Schutzumschlag

Wie ein Flügelschlag – Meine Bewertung

Nach dieser Rezension dürfte wohl klar sein, wie ich dieses Buch bewerte. Hier gibt es natürlich die volle Punktzahl, 5 Sterne bzw. in meinem Fall 5 Sonnenblumen. Etwas anderes ist nach Lesen dieser Geschichte gar nicht denkbar. Die Story ist super spannend und mal was anderes. Es geht um Sport, Leistungsdruck, Ehrgeiz, Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung, Doping, gefährliche Machenschaften, die erste Liebe, mysteriöser Tod… Die Story ist so lebendig geschrieben und absolut realitätsnah, man ist beim Lesen wirklich mittendrin, statt nur dabei.

Ich bin so begeistert von dem Buch, ich könnte erzählen und erzählen. Ich kann jedem nur empfehlen es zu lesen, egal wie jung oder alt man ist, es lohnt sich. Und wer jetzt immer noch nicht neugierig geworden ist und das Buch noch immer nicht sofort und auf der Stelle lesen will, dem ist nicht mehr zu helfen. 😉

Chaosweibs Bewertung - 5 Sterne bzw 5 Sonnenblumen

„Wie ein Flügelschlag“ von Jutta Wilke
Gebundene Ausgabe: 283 Seiten
Verlag: Coppenrath (Januar 2012)
ISBN-13: 978-3649605669
Alterempfehlung: 12 – 16 Jahre
Preis: 14,95 Euro

Ich empfehle auch
Die Website der Autorin
Den Blog von Jutta Wilke
Die Video-Rezension von Steffi alias SternchenStar2010
Den Song „Fly“ von Rihanna ft. Nicki Minaj

Widmung von Jutta Wilke

Liebe Jutta,
Vielen, vielen Dank für dieses rundum gelungene und wundervolle Buch. Dir ist hier ein echtes Meisterwerk gelungen. Ich hoffe, dass das Buch den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommt. Das ist das Mindeste, denke ich. Ich bin schon so gespannt auf Dein neues Buch, auch wenn es für „Sauerländer“ ist. *gg* Und „Holundermond“ steht inzwischen auch schon auf meiner Wunschliste. Dein Schreibstil ist so wundervoll, davon möchte man einfach mehr lesen. Dankeschön und ganz liebe Grüße…

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Über Chaosweib

Jutta - Nachtmensch, Bücherwurm, Spielkind, Teeliebhaberin - chaotisch, frech, neugierig, ungeduldig, experimentierfreudig - bloggt über alles, was ihr unter die Finger kommt und freut sich genau jetzt über deinen Kommentar :)
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2 Antworten auf Rezension: Wie ein Flügelschlag von Jutta Wilke

  1. nasch sagt:

    Jaaaa ich habs auch gelesen und war genauso begeistert, meine Rezi geht die Tage auch noch online 😀

  2. Pingback: [gelesen] Wie ein Flügelschlag > nasch ...alles was mir so einfällt

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