Rezension: Entführt von Hans Koppel

Hans Koppel - Entführt Ich hatte mir kürzlich von einer Freundin das neue Hörbuch von Hans Koppel ausgeliehen. Ein schwedischer Autor, der uns mit „Entführt“ seinen ersten Thriller serviert, der bereits in 10 Ländern verkauft wird. Die Stimmen bei Amazon dazu sind recht eindeutig und auch der Klappentext hat mich neugierig gemacht. Ich habe mich also sehr gefreut die ungekürzte Hörbuchfassung hören zu dürfen, die mich ganze 7 Stunden und 11 Minuten bei der Hausarbeit begleitet hat.

Entführt von Hans Koppel

Kurzbeschreibung von Audible und Amazon: Als Ylva ihr Büro verlässt, ahnt sie nicht, dass sich ihr Leben in Kürze für immer verändern wird. Sie verabschiedet sich von ihren Kollegen, wünscht allen einen schönen Abend und macht sich auf den Heimweg. Nach wenigen Minuten hält ein Auto neben ihr. Alte Bekannte, wie es scheint. Sie bieten Ylva an, sie ein Stück mitzunehmen. Ylva fühlt sich unbehaglich, doch sie will nicht unhöflich sein, nimmt das Angebot an und steigt ein. Eine Entscheidung, die sie für immer bereuen wird.

©2012 Heyne Ⓟ2012 Random House Audio

Bei Amazon steht noch mehr, was für meinen Geschmack aber etwas zuviel verrät und schon an eine Rezension erinnert. Ich gehe davon aus, dass das im inneren der Broschur steht, da wird ja oft ein bisschen zuviel verraten. Aber gut, dann kann ich das ja mal in meine eigenen Worte fassen.

Hans Koppel - Entführt

Entführt – die Story

Ylva [ilːwa], Ehefrau und Mutter einer achtjährigen Tochter, wird auf dem Nachhauseweg vom Büro von einem Wagen mit getönten Scheiben angehalten. Ylva ist zu Fuß mit iPod und Kopfhörern unterwegs und will die erst gar nicht abnehmen, aber vielleicht will ja nur jemand nach dem Weg fragen. Es scheint als kennen sich die Insassen und Ylva von früher, trotzdem hat sie ein flaues Gefühl im Magen. In einem kurzen Gespräch stellt sich heraus, dass die Frau und der Mann im Wagen gerade ein Haus in Ylvas Straße gekauft haben. Sie bieten ihr an, sie das Stück mit nach Hause zu nehmen. Ylva zögert, aber letztlich will sie nicht unhöflich sein und steigt ein. Ein fataler Entschluss, wie sich sogleich rausstellt.

Da auf dem Beifahrersitz irgendwelcher Kram steht, muss Ylva auf die Rückbank zu dem Mann klettern. Ein paar Sätze Smalltalk und schwupp zieht dieser einen Elektroschocker aus der Jackentasche und richtet ihn gegen Ylva. Sekundenschnell führt der Schock bei Ylva zu einer Lähmung und sie kann zwar noch hören, aber sich nicht mehr rühren. Sie wird zu dem Haus der beiden gebracht, in den umgebauten Keller, der bei den Nachbarn wohl als Musikstudio „verkauft“ wurde. Damit erklärten sich die Umbauarbeiten, gesehen hat das Studio aber noch niemand.

Das angebliche Musikstudio entpuppt sich nämlich als schalldichte „Ein-Zimmer-Wohnung“ in der Ylva von nun an gefangen gehalten und von den beiden aufs übelste gedemütigt und missbraucht wird. Und immer wieder gibt es Andeutungen, dass vor langer Zeit etwas passiert sein muss wofür Ylva jetzt anscheinend büßen soll/muss.

Das perfide an der Sache ist auch, dass der Keller in dem Ylva gefangen ist nur wenige Meter von ihrem Zuhause entfernt ist. Die Entführer haben einen Monitor installiert auf dem sie sehen kann was dort geschieht. Sie sieht ihren Mann und ihre Tochter ein und ausgehen und kann sich doch nicht bemerkbar machen. Was für eine Qual zu sehen wie die Familie ohne sie „weiterlebt“.

Ihr Mann und ihre Tochter können sich anfangs nicht erklären wo Ylva abgeblieben ist. Sie ist spurlos verschwunden. Den Kollegen im Büro sagte sie, dass sie nach Haus geht und ihrem Mann Mike erzählte sie am Morgen, dass sie vielleicht noch auf ein Bier mit den Kollegen geht. Ihr Mann weiß also nicht ob ihr etwas zugestoßen ist, oder ob sie ihn vielleicht betrog. Die Polizei will auch nicht gleich einschreiten, da Ylva ja alt genug ist und es keinen Hinweis auf einen Unfall oder ein Verbrechen gibt. So vergehen Tage und Wochen und Ylva bleibt wie vom Erdboden verschluckt.

Niemand ahnt, dass Ylva nur wenige Meter von ihren Lieben wie eine Sklavin gehalten wird. Sie wird nicht nur immer wieder missbraucht, sie muss für die Entführer auch kleine Hausarbeiten wie zum Beispiel das Bügeln übernehmen um sich so „Vergünstigungen“ in Form von Essen, Fernsehen oder Büchern zu verdienen. Die braucht sie auch, denn sie wird für eine lange Zeit in diesem Keller sitzen…

Aber warum wurde Ylva entführt? Woher kennt sie ihre Entführer? Was wollen die von ihr? Wie lange würden sie sie festhalten und wird sie sich doch noch bemerkbar machen oder gar fliehen können? Was ist das für eine Geschichte aus der Vergangenheit? Ist Ylva wirklich die letzte Überlebende einer gefürchteten Vierer-Bande aus Schulzeiten? Kann ein Reporter Licht ins Dunkel bringen? Lest selbst.

Entführt – meine Meinung

Die Geschichte hörte sich wirklich gut an und beginnt auch sofort spannend mit einem Mord. Den kann man zwar gleich nicht zuordnen, aber das kommt im Laufe der Geschichte. Gleich darauf geht es auch schon mit Ylvas Entführung weiter. Leider konnte diese anfänliche Spannung nicht sehr lange gehalten werden. Es gibt drei Haupterzählstränge, einmal die Sicht von Ylva, dann die von ihrem Mann und der Tochter und von einem Reporter, der früher wohl zu gleichen Schule ging wie Ylva und die Vierer-Bande.

Mich erinnerte bei der Story vieles an Natascha Kampusch. Ob der Autor ihre Geschichte kannte, weiß ich nicht,  aber es gibt definitiv Parallelen. Das Arbeiten für Vergünstigungen, das Essen machen, der Missbrauch und überhaupt die lange Gefangenschaft. Wer das Buch von Natascha Kampusch gelesen hat wird hier das eine oder andere Mal ein flaues Gefühl in der Magengegend verspüren. Nach Kampusch und Fritzl kann einen eine solche Entführung mit Gefangenschaft nicht wirklich kalt lassen.

Da es sich hierbei aber „nur“ um einen Thriller handelt, dessen Story es aufzuklären gilt, bleibt man dahingehend etwas entspannter und will einfach nur wissen wie es ausgeht. Die Missbrauchsszenen werden teilweise detailliert und teilweise „abgekürzt“ erzählt, aber großartig gewalttätig oder blutig ist das Buch sonst nicht. Es erschreckt einen nur zu was Menschen fähig sein können.

Einige Kapitel wurden mit kurzen Erklärungen aus der Psychologie eingeleitet. Sie erläuterten in wenigen Sätzen die einzelnen Stadien einer Entführung, zum Beispiel „Demütigung“, „Schuld“, „Gewalt/Androhung von Gewalt“ usw.. Das war interessant und man versteht vieles besser.

Leider ist aber vieles schnell vorhersehbar und so plätschert die Story, nicht zuletzt durch die mittelmässige Sprecherin, eher so dahin. Es gibt ein, zwei Spannungsmomente, aber keinen wirklichen Höhepunkt und das Ende hätte man sich vielleicht so nicht vorgestellt.

Es gelang mir auch während der ganzen Zeit nicht wirklich mit Ylva mitzufühlen, was daran lag, dass zum einen der Charakter nur oberflächlich beschrieben ist und zum anderen die Andeutungen ihrer Vergangenheit nichts Gutes erahnen lassen. Man überlegt kurz ob sie das alles vielleicht verdient hat? Die Einzige, die mir leid tat, war Ylvas Tochter Sanna, die einfach nur ihre Mama vermisste.

Alles in allem ein mittelmässiger Thriller bei dem die Ermittlungsarbeit der Polizei auffällig schlecht dargestellt wird. Die Beamten bemühen sich nicht wirklich um Aufklärung, haben schlicht den Ehemann in Verdacht, der seine Frau beseitigt hat und wollen davon auch nicht abweichen. Ein wirklich schwaches Bild von der schwedischen Polizei. Der Einzige der hier Ermittlungsarbeit leistet, ist der Reporter, dessen Recherche um die Vierer-Bande einen der Handlungsstränge darstellt.

Entführt – meine Bewertung

Ich muss ja die Hörbuch-Version bewerten und da die Sprecherin nicht gerade der Knaller war, muss ich einen Stern abziehen. Aber auch die Geschichte selbst bekommt nicht die volle Punktzahl, da sie teilweise vorhersehbar war, teilweise an Kampusch und Fritzl erinnert und zu wenig Spannnungs- und Überraschungsmomente bietet. Hier hätte man wirklich mehr daraus machen können. Ich vergebe daher 3 von 5 möglichen Punkten und empfehle Interessenten hier aber zum Buch zu greifen und nicht zum Hörbuch. Vielleicht kann ja die Hörprobe bei der Entscheidung behilflich sein!?

„Entführt“ von Hans Koppel
Broschiert: 352 Seiten
Verlag: Heyne Verlag (27. Februar 2012)
ISBN-13: 978-3453267602
Preis: 14,99 Euro
Kindle Edition: 11,99 Euro

6 Audio-CDs
Laufzeit: ca. 432 Minuten
(ungekürzt)
Verlag: Random House Audio, Deutschland
ISBN: 978-3-8371-1320-4
Preis: 19,99 Euro

Audible Download
Spieldauer: 07 Std. 12 Min. (ungekürzt)
Sprecher: Stefanie Stappenbeck
Verlag: Random House Audio, Deutschland
Preis:
13,95 Euro oder 9,95 Euro im Flexi-Abo

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Über Chaosweib

Jutta - Nachtmensch, Bücherwurm, Spielkind, Teeliebhaberin - chaotisch, frech, neugierig, ungeduldig, experimentierfreudig - bloggt über alles, was ihr unter die Finger kommt und freut sich genau jetzt über deinen Kommentar :)
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3 Antworten auf Rezension: Entführt von Hans Koppel

  1. Nicole sagt:

    Auch wenn Thriller nicht ganz mein Ding sind, hätte ich schon eine Sonnenblume für den Namen Ylva gegeben. 😉

    Das ist seither mein Lieblingsname, weil er einfach schön klingt und übersetzt „Kleine Wölfin“ heißt. =)

  2. Kratzi sagt:

    Mich hat deine Beschreibung sofort an Natascha Kampusch erinnert. Ich habe das Buch damals nicht gelesen, werde es aber sicherlich irgendwann einmal nachholen. An sich finde ich solche Themen interessant und deshalb werde ich mir „Enführt“ auch mal näher ansehen 🙂

    • Chaosweib sagt:

      Ich hatte das Buch von Natascha gelesen, als es rauskam. Es hat mich sehr bewegt und beschäftigt mich noch immer. Das Buch hier zeigt halt auch eine lange Gefangenschaft, wenn auch „aus anderen Gründen“. Lies es und sag mir wie es Dir gefallen hat.

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